Joscha Weber ist Presse-Weltmeister 2014

Regen, Wind und ein Happy End: Die Journalisten-Weltmeisterschaft 2014 war für Strassacker-Fahrer Joscha Weber ein Rennen mit vielen Ups und Downs. Am Ende wurde seine couragierte Fahrweise aber mit dem WM-Titel in der Männer-Hauptklasse belohnt. Sein Rennbericht . . .

Immer wieder geht der bange Blick über die Schulter nach hinten. Kommen sie näher? Holen sie uns noch? Oder schaffen wir es doch? Lassen wir es drauf ankommen, denke ich mir. Der Blick geht wieder nach vorn. Noch fünf Kilometer. Mein österreichischer Fluchtgefährte zuckt mit dem rechten Ellenbogen, ich soll in die Führung. Also klein machen, draufdrücken und in den Wind, der leider von vorne kommt. Ich gebe alles, was noch da ist nach 80 Kilometern Rennen, doch der Tacho zeigt gerade mal 44 km/h an. Puh, hoffentlich reicht das, denke ich, während mir der Regen ins Gesicht prasselt. Belgisches Frühjahrswetter im österreichischen Spätsommer. Ein schöner Tag, um Weltmeister zu werden.

Je mehr wir uns Bad Radkersburg nähern, desto konkreter wird dieses Ziel. Der x-te Blick nach hinten sagt mir: Der Vorsprung ist gewachsen – und müsste reichen. Auch wenn mein österreichischer Wegbegleiter mir zu verstehen gibt: Er kann nicht mehr mitführen. Ok, jetzt alle Kräfte mobilisieren und durchziehen. Da vorne sehe ich den vorletzten Kreisverkehr. Gleich hat die Jagd ein Ende, zum Glück, denn die Beine schmerzen langsam. Zwei Kurven weiter sind wir auf der Zielgeraden, ein letzter Sprint, meine Faust geht nach oben, geschafft. Weltmeister.

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TURBULENTE ANFANGSPHASE

Gut, die World Press Cycling Championship ist gewiss nicht vergleichbar mit der Rad-WM der Profis: Nur rund 60 Starter statt 200, 85 Kilometer Renndistanz statt 250. Aber im Gegensatz zur „echten“ WM, ist Radsport für die Teilnehmer der Journalisten-WM eben nur ein Hobby. Dennoch ist das Niveau zum Teil erstaunlich hoch. Schon in Runde eins setzen sich vier Fahrer mit Tempo 53 vom Feld ab. Dahinter reißen Lücken, mein Vordermann will nicht hinterher, ich trete an – aber zu spät. Alleine jage ich dem Spitzenquartett hinterher, komme aber einfach nicht richtig näher. Zwischen Spitzengruppe und Feld muss ich irgendwann einsehen, dass es keinen Zweck hat. Noch knapp 80 Kilometer sind zu fahren, alleine ein Himmelfahrtskommando. Ich lasse mich vom Feld einholen. Auch weil ich mir nicht sicher bin, ob die Kräfte nach einer gerade überstandenen Erkältung überhaupt reichen.

Als klar ist, dass das Spitzenquartett enteilt ist, beginnt ein nervenzehrendes Spiel im Hauptfeld. Attacken gehen, alles läuft wieder zusammen, anschließend Bummeltempo, keiner will Führungsarbeit machen. Insbesondere die zahlenmäßig stärkste Fraktion im Feld, die Italiener, fahren lieber nur im Windschatten der anderen. Eine Rennsituation, die mir stinkt. Rund ein Dutzend Mal attackiere ich aus dem Feld heraus, jedes Mal holt mich eine temporäre Allianz aus Italienern, Niederländern und Österreichern wieder ein. Erst am letzten Hügel in der Ortschaft Klöch kann ich mich entscheidend absetzen. Lanciert von Werner Müller-Schell (Deutschland), gebe ich im 600 Meter langen Anstieg Gas und passiere die Kuppe mit einem knappen Vorsprung. Auf der Abfahrt holt mich Thomas Kerschbaum (Österreich) ein, mit dem ich gemeinsam auf den letzten zehn Kilometern einen Vorsprung von 36 Sekunden ins Ziel bringe.

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REGEN, WIND UND ZWEIFEL SIND SCHNELL VERGESSEN

Da im Spitzenquartett kein Fahrer der Hauptklasse vertreten ist, reicht mir ein fünfter Gesamtplatz zum Sieg in meiner Altersklasse vor Werner Müller-Schell und Vicenzo Muretti (Italien) in der leider recht dünn besetzen Kategorie Männer 1. Mit beiden stehe ich wenig später auf dem „Stockerl“ und genieße die Hymne. Regen, Wind und Zweifel sind da längst vergessen – und die Erkältung übrigens auch.

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Deutschland war bei der Journalisten Rad-WM 2014 übrigens insgesamt sehr erfolgreich: In der Hauptklasse gingen auch die weiteren Titel an die BRD. Werner Müller-Schell holte sich im Sprint (300 Meter) sowie im Einzelzeitfahren (18,9 Km) jeweils die Goldmedaille und wurde somit zu einem der efolgreichsten Teilnehmer der WM. In der Kategorie M2 (ab 40 Jahren) fuhr Thomas Janz im Straßenrennen nach einer langen Flucht aus einer vierköpfigen Spitzengruppe mit einem starken Endspurt zum WM-Titel und holte im Sprint und Zeitfahren jeweils Silber hinter dem Österreicher Martin Ganglberger. Während es in der Kategorie M3 (ab 50) keine deutschen Medaillengewinner gab, fuhren in der M4 (ab 60) gleich zwei Deutsche auf das Podest: Im Straßenrennen gewann Hans-Jürgen Bazan vor Karl Rupp (beide Deutschland) und dem Niederländer Peter de Groot. Im Zeitfahren gewann ebenfalls Bazan vor dem Ukrainer Yosyf Pazyak und Rupp. Bei den ältesten Teilnehmern, den Startern der Kategorie M5 (ab 70) feierte der Österreicher Hans Unterguggenberger einen Dreifachsieg in Straßenrennen, Zeitfahren und Sprint. Die nächste Journalisten-WM findet Mitte September 2015 im belgischen Oudenaarde statt.

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